Angefangen hat alles mit Gerlinde: „Das Wohnzimmer ist heute nur für Frauen, geh jetzt raus!“ Bis heute geht mir dieser Satz nicht aus dem Kopf. Ich war vielleicht zehn oder elf Jahre alt und ziemlich entsetzt. Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts war meine viel zu früh verstorbene Mutter dem Club von Alice Schwarzer beigetreten. Zusammen mit ihrer besten Freundin Dorothee, genannt Pille, funktionierte Mama unser Wohnzimmer jeden zweiten Dienstag zu einer Art Headquarter für den Kampf gegen das Patriarchat um. Und dann kam Gerlinde.

Gerlinde

Schon als Steppke fiel mir auf, dass diese Frauen anders waren als die anderen Frauen, die ich so bisher kennenlernen durfte. Sie waren ungeschminkt, ein wenig hässlich oder – wie Pille – dick und rund. Meine Mutter passte da natürlich nicht wirklich rein. Sie war trotz ihrer damals beginnenden rheumatischen Arthritis noch immer eine hübsche Frau. Und nachdem Gerlinde mich aus unserem Wohnzimmer warf, entschuldigte sich Mama sogar bei mir. Gerlinde jedoch nicht. Mein Einwurf, es wäre ja auch mein Wohnzimmer, konterte sie nicht. Wie auch, ich hatte ja Recht.

Gerlinde war aber mehr als nur die Rädelsführerin der antipatriarchalen Frauengruppe, die unser Wohnzimmer okkupierte. Sie passte einfach so perfekt in das Klischee einer Emanze, dass sie beliebig gegen die damalige Alice Schwarzer hätte ausgetauscht werden können. Gerlinde war nicht nur Männerhasserin – sie hasste sogar zehnjährige Jungen wie mich – sondern war so voller Verachtung gegenüber Andersdenkenden, dass ich heute eher an den Bund Deutscher Mädel erinnert werde als an eine Frauengruppe, die sich um Gleichstellung bemüht.

Jedes Mal, wenn Dienstags wieder Mamas „Frauengruppe“ tagte, legte ich mich von nun an demonstrativ auf den Fußboden vor den Fernseher und kämpfte meinen Kampf gegen dieses kleine, hagere, hässliche Fräulein, für das ich heute nichts anderes als Mitleid empfinde. Als meine Mutter 20 Jahre später an ihrer schweren Krankheit verstarb, war sie nicht zur Beerdigung eingeladen. Späte Rache.

Birgitta

Wir Männer kennen das. Wir hatten alle schon mal diese eine Freundin, die uns vom Kaffee- zum Teetrinker und vom Macho zum Softie machen wollte. Diese Freundin, die lieber reden als vögeln wollte und irgendwann anfing von Tantra zu quatschen und nicht-orgasmus-orientiertem Sex. Sie war hübsch und einigermaßen klug, vielleicht Künstlerin und wenn Du, lieber Leser jetzt nicht lächeln musst, dann hat sie dich rumgekriegt und ich frage mich, warum in drei Gottes Namen Du diesen Text hier liest.

Ich jedenfalls hatte so eine Freundin und sie hätte mich auch fast rumgekriegt. Aber eben nur fast. Ich war wirklich kurz davor, mich auf ein nahezu sexfreies dafür aber ziemlich intellektuelles Leben einzustellen, dem Fußballgucken zu entsagen und ihr vollständig hörig zu werden. Zu meiner Verteidigung ist allerdings anzuführen, dass sie dermaßen gut blasen konnte, dass ich die Engel im Himmel habe singen hören, während sie mich in der Duschkabine ihrer Eltern zum Höhepunkt brachte.

Aber im Endeffekt bin ich standhaft geblieben. Ich habe weiter Kaffee getrunken, geraucht, gekifft, gesoffen, Fußball geguckt und mich über einige sexarme Jahre gerettet, bis sie mich schließlich für einen kleinen, hässlichen, fetten, feministischen Saxophonisten verließ. Ich gebe zu, das nagt, vor allem als Gitarrist und Sänger, noch immer ziemlich an meinem Ego. Trotzdem bin ich froh, ihr nicht endgültig zum Opfer gefallen zu sein.

So sehr ich Gerlinde und Birgitta damals verflucht habe, heute bin ich ihnen dankbar. Sie lehrten mich, dass ich Frauen, die wie Gerlinde versuchen einen Keil zwischen Mann und Frau zu treiben, die wie Birgitta versuchen aus uns Männern Schosshündchen zu machen, bekämpfen muss. Sie lehrten mich, dass Feminismus nichts mit Gleichberechtigung zu tun hat. Danke dafür.

Erschienen bei Wahre Männer – das eMag von Oliver Flesch unter http://oliver-flesch.com/2014/03/22/gastautor-alexander-geilhaupt-wie-mich-gerlinde-zu-einem-anti-feministen-machte/

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