Bis jetzt gibt es über die Absturzursache der malaiischen MH17 keinerlei gesicherte Erkenntnisse. Aufgrund des Trümmerbildes an der Absturzstelle kann man allerdings einen Abschuss vermuten. Wer diesen Abschuss getätigt hat, steht noch nicht fest. Doch längst hat eine Propagandaschlacht um MH17 begonnen.

Den amerikanischen Geheimdiensten liegen Erkenntnisse vor, dass die pro-russischen Aktivisten in der Ostukraine für den Abschuss von MH17 verantwortlich sind. Schon einmal begann ein völkerrechtswidriger Krieg in Folge von Erkenntnissen eines amerikanischen Geheimdienstes. Ich bin aus diesem Grund nicht nur vorsichtig sondern vor allem skeptisch, wenn ich solche Meldungen lese. Man muss – auch aus Respekt vor den fast dreihundert Opfern – alle Szenarien, die in Frage kommen analysieren und man muss wissen, wie das BUK-Raketensystem funktioniert.

Wie funktioniert ein BUK?

Das BUK M2 besteht nicht nur aus einem Fahrzeug, von dem Raketen abgefeuert werden. Das ist nur das TELAR, also die Abschussvorrichtung. Jedes BUK besteht normalerweise aus folgenden Elementen:

  • Suchradar SNOW DRIFT-C (9S18M2 Kupol-2)
  • 1 Feuerleitradar CHAIR BACK-B (Giraffe)
  • 1 Kommandostation 9S470M2
  • 4 Start- und Transportfahrzeuge 9A39M2 (TELAR) für die Lenkwaffen sowie die auf demselben Fahrzeugen untergebrachten Feuerleitradare CHAIR BACK-A
  • 4 Lenkwaffen 9M317 pro TELAR

Selbst wenn nur ein TELAR benutzt worden ist, handelt es sich noch immer um einen Konvoi aus vier Fahrzeugen. Ein BUK lässt sich auch nicht so einfach bedienen, wie eine Schulterrakete oder eine Panzerfaust. Die Bedienung ist komplex und erfordert eine gut ausgebildete Besatzung. Gezeigt werden uns allerdings immer nur verwackelte Youtubevideos mit einem TELAR, auf dem eine Rakete fehlt.

Welche Szenarien sind möglich?

1. Abschuss durch pro-russische Rebellen

Die Rebellen im Osten der Ukraine könnten MH17 mit einem ukrainischen Militärflugzeug verwechselt und daraufhin abgeschossen haben. Einige Quellen behaupten, eine BUK der ukrainischen Armee sei den Separatisten in die Hände gefallen, andere behaupten, Russland hätte das Raketensystem geliefert. Beweisen lassen sich beide Behauptungen nicht. Zudem sind die Rebellen vermutlich nicht gut genug ausgebildet.

Stellt sich dieses Szenario als richtig heraus, könnte man aufgrund der komplexen Handhabung einer BUK mit Fug und Recht behaupten, dass die russische Armee die Rebellen auch mit Personal unterstützt.

2. Abschuss durch die ukrainische Armee

Die ukrainische Armee besitzt nicht nur das Waffensystem sondern ebenfalls das ausgebildete Personal. Am 17. Juli behauptete das ukrainische Verteidigungsministerium, dass eine von zwei Suchoi-Maschinen der ukrainischen Streitkräfte von einem russischen Jagdflugzeug abgeschossen wurde. Wenn man, wie den pro-russischen Rebellen, eine Verwechslung, in diesem Fall mit einer russischen Militärmaschine, unterstellt, dann ergibt sich auch ein Motiv.

Die Folgen für ein solches Szenario wären eine herbe Niederlage für das ukrainische Regime und im Grunde genommen der gesamten NATO.

3. Abschuss durch die russische Luftraumüberwachung

Auch hier muss eine Verwechslung in Kombination mit einer direkten Beteiligung der russischen Armee unterstellt werden. Ein eher unwahrscheinliches Szenario, da Russland eine direkte Einmischung in den Konflikt bisher unterlassen hat. Wladimir Putin ist einiges zuzutrauen. Dass er aber so offensichtlich in die Kampfhandlungen eingreifen lässt, passt nicht zum bisherigen Vorgehen des russischen Präsidenten.

Es geht nur mit russischer Beteiligung

Im Kommentar der Süddeutschen Zeitung, Moskau entzieht sich der Verantwortung, kommt der Autor folgendem Schluss:

Auch wenn die Lage am Absturzort schwierig ist, wäre es relativ einfach, eine OSZE-Mission unter der Schirmherrschaft Russlands und der EU mit niederländischen, malaysischen und anderen Experten loszuschicken und so lange dort zu lassen, bis Ergebnisse erzielt sind. Moskau will das nicht, es entzieht sich der Verantwortung – obwohl es nicht um Militärisches geht, sondern um die Untersuchung eines mutmaßlichen Terroraktes.

Leider ist es Kurt Kister entfallen, dass die OSZE derzeit ohne Abstimmung mit Russland operiert. Und dass die Rebellen die OSZE-Beobachter nicht an die Absturzstelle lassen, ruft in mir durchaus Verständnis hervor. So haben sich die letzten OSZE-Mitarbeiter in der Ostukraine als spionierende NATO-Militärs ohne offizielles Mandat entpuppt. Wäre ich ein pro-russischer Aktivist, würde ich diesen Leuten auch nicht vertrauen.

Die Idee mit der OSZE-Mission unter russischer Schirmherrschaft sollte aufgegriffen und umgesetzt werden. Noch besser wäre allerdings eine Untersuchungskommission mit Spezialisten aus der Ukraine, Malaysia, der EU und aus Russland. Und erst in dem Moment, wo ein Ergebnis existiert, das auf belastbaren Fakten und Beweisen beruht, lässt sich auch ein Verantwortlicher für den Absturz von MH17 finden. Schon aus Respekt vor den fast dreihundert Opfern dieser Tragödie sollten sich unsere Presse und vor allem unsere Politiker mit Vorverurteilungen zurückhalten. Der Schuss könnte mächtig nach hinten losgehen.

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