Die Quintessenz aus dieser Reise ist, dass ich nie wieder Witze über Niederländer mit Wohnwagen auf deutschen Autobahnen machen werde, ich dringend ein Wohnmobil brauche und schon wieder über alternative Lebensmethoden nachdenke. Das Streben nach Glück nimmt manchmal merkwürdige Wendungen.

Seit über zehn Jahren habe ich keinen Urlaub mehr gemacht. Entweder war ich busy, pleite oder es gab andere Gründe, um nicht zu verreisen. Doch dieses Jahr habe ich mir endlich ein Herz gefasst und mich für einen Roadtrip entschieden. Ziel war Palamós, ein Küstenstädtchen an der spanischen Costa Brava, das in mir viele Erinnerungen hinterlassen hatte. Vor sechzehn Jahren war ich mal mit ein paar Freunden dort.

Die Fahrt ins Ungewisse

Ich hatte natürlich keine Ahnung, wie Jonas die viertausend Kilometer Hin- und Rückweg überstehen würde. Mit meinen Eltern gab es ebenfalls Roadtrips nach Italien, Jugoslawien oder Südfrankreich. Losgefahren wurde immer gegen zwei Uhr nachts. Das wollte ich meinem Junior ersparen und so sind wir Mittags losgefahren, auch um einen Zwischenstopp bei meinem besten Freund Frank in Bad Rappenau zu machen und dort die Nacht zu verbringen.

Tapfer durchgehalten
Tapfer durchgehalten

Zu meiner Überraschung hat er nicht ein einziges Mal, zumindest nicht auf dem Hinweg, „Wann sind wir da?“ genörgelt. Er hielt tapfer durch, gestärkt durch ein Frühstück bei Frank und voller Vorfreude auf das, was nun kommen sollte.

Das ist in soweit ungewöhnlich, da mein Filius gerne mal quengelt, wenn ihm etwas langweilig wird. Doch diese Reise – und es war seine erste ins Ausland – empfand er als ziemlich aufregend.

Schneeberge und ein Sonnenuntergang am Meer

Das waren Jonas‘ Wünsche für den Urlaub. Einmal schneebedeckte Berge und die Sonne im Meer versinken sehen. Für einen Siebenjährigen klingt das ziemlich bescheiden und Papa wollte ihn nicht enttäuschen. Also haben wir die Route über die Schweiz und durch die französischen Alpen gewählt. Die Schneeberge tauchten hin und wieder ihre weißen und schroffen Spitzen in den wolkenlosen Himmel. Auch wenn es Jonas vermutlich nicht gewusst hat, dieser Anblick hat auch mich fasziniert und Schneeberge gehört seit kurzem zu meinem Wortschatz.

Den Genfer See haben wir in der Dämmerung passiert und für mich hat sich ein weiterer, wunderschöner Anblick in meinem Gehirn eingebrannt. Die Lichter der Uferpromenaden, die sich tanzend auf dem Wasser spiegelten, lösten in mir das erste richtige Urlaubsfeeling aus.

La grande nation et de ses citoyens ignorants

Das schönste Land Europas
Das schönste Land Europas

Frankreich ist eines der schönsten Länder Europas, wenn nicht sogar der Welt. Die französischen Alpen mit ihrer Schroffheit, den unzähligen Serpentinen und den kleinen Dörfern sollte man komplett unter Denkmalschutz stellen. Die Vielfalt des Landes scheint unerreicht und unzählige Weinberge ziehen sich bis zu den Pyrenäen.

Woher die Redensart Leben wie Gott in Frankreich kommt, wird sofort klar. Es wird aber auch klar, dass Gott anscheinend Französisch sprechen muss. Denn sonst würde er vermutlich verhungern. Mein Schulfranzösisch reicht zwar aus, um in der Boulangerie ein Baguette oder ein paar Croissants zu kaufen. Für die Bestellung bei McDonald’s war ich jedoch auf Englisch angewiesen. Und hier wird, ganz im Gegensatz zu Spanien, schnell klar, dass die Franzosen zumindest sprachlich das arroganteste Volk Europas sind. Trotz meiner Frage Parlez-vous anglais? Je ne parle que mauvais français. wurde ich angewidert angeschaut und konsequent weiter auf französisch angesprochen. Für ein Schnellrestaurant, das gerade die American Summer Wochen hat und Burger mit den Namen Florida Chicken und California Beef verkauft, ein leichtes Armutszeugnis. Ich habe mir auf dem Weg durch die Pyrenäen ausgemalt, dass sich die Chefs bei McDonald’s in den USA mit Absicht solche Aktionswochen speziell für Frankreich ausdenken.

Und dann endlich: La Costa Brava

Wunderschöne Costa Brava
Wunderschöne Costa Brava

Die Wilde Küste, wie die Spanier sie nennen, gehört für mich zu den schönsten Küstenstreifen am Mittelmeer. Sie ist sogar schöner als die Côte d’Azur. Die letzten zweihundert Kilometer bis nach Palamós vergingen wie im Flug. Die spanische Sonne wärmte und leuchtete – zumindest subjektiv – mehr als auf französischer Seite und als wir das erste Mal hinter den kargen Hügeln das Meer erblickten, da wussten wir, dass wir am Ziel waren und dass sich alle Strapazen während der Fahrt gelohnt hatten.

Wer hier nicht wenigstens kurz überlegt, an diesem wunderschönen Fleckchen Erde den Rest seines Lebens zu verbringen, der ist entweder Franzose oder Schönheitsallergiker. Die ins Meer ragenden Felsen und der dementsprechende Strand sind ein Paradies zum Schnorcheln, die Sandstrände sind perfekt zum Sonnenbaden. Diese Abwechslung macht den Unterschied zur Costa del Sol oder gar Mallorca. Bis Barcelona finden sich kaum Bettenburgen oder Massentourismus.

Ein Hoch auf die Niederländer

Unser Zelt
Unser Zelt

Den Campingplatz hatte ich mit Bedacht gewählt. Es war derselbe wie vor sechzehn Jahren und fest in Oranje-Hand. Jonas hat einen perfekten Platz ausgesucht, direkt neben einem dauercampenden Ehepaar aus den Niederlanden, die uns nicht nur wohlgesonnen sondern auch überaus hilfsbereit waren. Während wir nichtsahnend am Strand lagen und am ersten Tag Sonne und Meer genossen, sicherten Peter und seine Frau, von uns nur die Patin genannt, unser Zelt samt Inhalt gegen den Wind. Und nach dem zwanzigstündigen Regen lud man uns ins trockene Vorzelt ihres Wohnwagens zum Frühstück ein. Zum Abschied haben wir noch die Adressen ausgetauscht und ich bin sicher, dass wir uns nächstes Jahr wiedersehen werden.

Blick aus dem Zelt
Blick aus dem Zelt

Der morgendliche Blick aus dem Zelt war derart befriedigend, dass selbst der Regentag in Kauf zunehmen war. Der Yachthafen von Palamós, die untergehende Sonne und der kleine Felsstrand direkt zu unseren Füßen ließen so manche unbequeme Nacht vergessen. Gekocht wurde natürlich – meistens von Jonas – auf dem Campingkocher. Seine Nudeln mit Tomatensauce waren schlicht großartig.

Jonas, die Wasserratte

Wasserratte
Wasserratte

Dass Jonas gerne schwimmt, wusste ich. Dass er Wasser liebt, weiß ich spätestens jetzt. Stundenlang tobte er durch die Wellen, kam immer wieder zum Liegeplatz und forderte mich auf, mitzukommen. Ich war unzähligen Attacken mit Wasserpistole ausgesetzt, bis ich ihn schließlich, mit blauen Lippen und zitternd, aus dem Wasser zwingen musste. Aber sein Lachen, dass bei jedem Badegang vermutlich bis Barcelona zu hören war, ließ es mir ziemlich schwer fallen, die Badetage zu beenden.

Adiós y nos vemos el próximo año

Als wir uns auf den Rückweg machten, wussten wir, dass wir im nächsten Jahr wiederkommen werden. Wir waren kaum aus Palamós heraus, da fiel Jonas in einen vierstündigen Tiefschlaf. Erschöpft aber überglücklich wachte er erst in Frankreich wieder auf. Und selbst der Waldbrand, der in Frankreich wütete (soviel zu Gott und Frankreich) und uns über drei Stunden aufhielt und zu etlichen Kilometern Umweg zwang, konnte uns unsere Stimmung nicht vermiesen. Zu Jerry Reeds East Bound and Down, das uns zu Snowman and the Bandit machte, cruisten wir Richtung Heimat.

Ich bin in Gedanken noch immer am Meer, genieße die spanische Sonne und trinke Bier aus Dosen. Ohne Pfand.

Roadtrip to Palamós – The Movie

 

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