Unsere Bundeskanzlerin findet, dass Menschen, die die Anwesenheit der Kanzlerin mit Pfiffen und Buhrufen quittieren, nichts zum Wohlstand unseres Landes beigetragen haben. Das ist nicht wirklich verwunderlich, denn schließlich möchte unsere große Führerin nicht in ihrem Elfenbeinturm gestört werden. Aus diesen und anderen Gründen ist es Zeit für einen offenen Brief.

Frau Merkel,

auch für Sie fällt mir keine höfliche Anrede ein, genauso wenig wie für unseren Bundespräsidenten. Denn Sie scheinen augenscheinlich nicht in der Lage zu sein, mit öffentlicher Kritik umzugehen. Das haben Sie während Ihrer Rede in Bautzen am 21. August diesen Jahres eindrucksvoll bewiesen:

Mit Verlaub, Frau Merkel, was erlauben Sie sich eigentlich? Die Menschen, die sie in Bautzen – aus meiner Sicht völlig zurecht – ausgepfiffen haben, sind vermutlich hart arbeitende Menschen, die übrigens Ihnen und den anderen Angehörigen Ihres Regimes den Lebensstandard finanzieren. Ich selbst wäre ebenfalls unter den, von Ihnen als kreischend beschriebenen Menschen gewesen. Und ich hätte lauthals in das Pfeifkonzert mit eingestimmt. Denn ehrlich gesagt gibt es so einiges, das mir an Ihrer Regierung nicht gefällt. Vor allem gefällt mir nicht, wie Sie uns Bürger proktologisch düpieren.

Nehmen wir als Beispiel die Eurokrise. Aus welchem Grund belügen Sie uns eigentlich in dieser Sache? Warum sind Sie nicht einfach ehrlich und sagen diesen einen Satz, mit dem sich all Ihre Bemühungen um die Stabilität der Eurozone erklären lassen würden:

Wir retten nicht die Staaten vor dem finanziellen Kollaps, wir retten die Banken, da wir den Staaten ermöglichen, Ihre Kredite zurückzuzahlen, indem wir Euch Bürgern das unternehmerische Risiko der Banken aufbürden.

Das wäre wenigsten ehrlich. Aber Sie sind und bleiben eine Schwindlerin. Zugegeben, Sie machen das wirklich gut. Felix Krull wäre beeindruckt gewesen. Diese Haltung ist übrigens nicht alternativlos. Die Alternative ist es, Banken die Insolvenz zu ermöglichen.

Auch in der Krise zwischen der Ukraine und Russland, die Sie und Ihre europäischen Mitstreiter zu einer kontinentalen Krise zwischen der EU und Russland gemacht haben, führen Sie uns, so gut es eben geht, hinter die Fichte. Nach dem Abschuss von MH17 haben Sie sich – ganz im Gegensatz zu Ihrem Vorgänger beim zweiten Irakfeldzug – von der amerikanischen Administration vorbeten lassen, dass Putin für den Abschuss verantwortlich gewesen sei. Beweise dafür gab und gibt es nicht. Warum erwähnen Sie das nicht?

Aber es gibt noch weitere Gründe, warum ich Sie ausgepfiffen hätte. Sie sind in meinen Augen eine Gefährdung für die freiheitlich demokratische Grundordnung unserer Republik. Durch ihre Relativierung des NSA-Skandals, zumindest in dem Fall, dass nur wir Bürger abgehört und überwacht werden, haben Sie deutlich gezeigt, dass die orwellschen Überwachunsphantasien, denen Sie sich mit der Vorratsdatenspeicherung, der Bestandsdatenauskunft und so Dingen wie INDECT hingeben, für Sie selbstverständlich und vor allem richtig sind. Und das trotz Ihrer DDR-Vergangenheit. Aber als Mitglied der FDJ – und es ist wirklich egal ob als Kulturreferentin oder Verantwortliche für Agitation und Propaganda – müssten Sie doch eigentlich wissen, was ein Überwachungsstaat anrichten kann.

Frau Merkel, wenn Sie das nächste Mal ausgepfiffen und ausgebuht werden, dann fragen Sie sich doch einmal selbst, woran das liegen könnte. Reflektieren Sie Ihr Handeln, überprüfen Sie Ihre Haltung und nehmen Sie uns Bürger ernst. Dann kommt es für Sie vielleicht nicht ganz so überraschend, wenn sich soetwas wie 1989 wiederholt. Zu wünschen wäre es uns.

Es grüßt,

Alexander Geilhaupt

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