Mein musikalisches Idol wird heute dreiundsiebzig Jahre alt. Paul Simon ist für mich einer der imponierendsten Poeten, Songschreiber und Musiker unserer Zeit. Seine teilweise berüchtigte Perfektion und seine ganz eigene Art, Geschichten zu erzählen, fasziniert mich seit über dreißig Jahren und noch heute inspiriert mich der New Yorker beim Komponieren und produzieren neuer Songs. Zeit für eine Lobhudelei.

Ich habe das erste Mal Musik von Paul Simon gehört, als ich elf Jahre alt war. Beim Hören des Albums Bridge over Troubled Water habe ich mich entschlossen, mir eine Gitarre zu kaufen und eine Band zu gründen. Doch schon damals waren es nicht die Songs The Boxer oder der Titelsong des Albums, die mich so fesselten. Es waren die stilleren Melodien von Song for the asking oder The only living Boy in New York, die ich schnell zu meinen Favoriten machte.

Im Gegensatz zu anderen Folkmusikern sind die Texte von Simon nicht politisch sondern vielmehr voller Poesie. Die Art und Weise, wie er seine Liebe zu Kathleen Mary Chitty in Kathy’s Song beschreibt, kann man wohl als einzigartig beschreiben. Musik und Text verschmelzen zu einer Einheit und ergänzen sich gegenseitig. So viel Gefühl nur mit einer Gitarre und einer Stimme zu erzeugen, können nur ganz wenige.

And so you see, I have come to doubt
All that I once held as true;
I stand alone without beliefs.
The only truth I know is you.

Erfolg und Misserfolg

In den USA gilt Paul Simon als Koryphäe. 2006 kürte ihn das Time Magazine zu einem der einhundert wichtigsten lebenden Personen. Die Aufnahme als Solokünstler in die Rock and Roll Hall of Fame war ein Unikum, denn Simon & Garfunkel waren bereits aufgenommen. Doch diese Ehrung, die einmalig in der Musikgeschichte ist, war nur folgerichtig. Paul Simon setzte nach dem Ende von Simon & Garfunkel weiterhin Maßstäbe. Vor allem der immer weiter entwickelte Musikstil, der in den Alben Graceland und Rhythm of Saints gipfelte, sind bis heute einzigartig.

Doch Simon erhielt auch Rückschläge. Der – vermutlich nur in meinen Augen – großartige Film One Trick Pony und das dazugehörende gleichnamig Album gehört zu meinen absoluten Lieblingswerken. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich meinen Vater anbetteln musste, den Film mitten in der Nacht im ZDF zu schauen. Doch außer der Single Late in the Evening war das Projekt völlig erfolglos. Der Film floppte, das Album ebenfalls.

Das Album Hearts and Bones, das ursprünglich als Reunion-Album von Simon & Garfunkel erscheinen sollte, nahm Simon nach einem erneuten Streit mit Garfunkel kurzerhand solo neu auf und veröffentlichte es ohne Werbung. Auch dieses Album ist großartig und leider in Europa völlig untergegangen. Auch sein Doo-Wop-Broadway-Musical The Capeman und das dazugehörende Album Songs from the Capeman waren ein herber Misserfolg.

Ein Wahnsinnskonzert in Spandau

Unvergessen bleibt für mich das Konzert am 11. Juli 2011 in der Zitadelle in Spandau. Auf der relativ kleinen Bühne und vor vielleicht zweitausend Zuschauern konnte ich diesen großen kleinen Mann das erste Mal aus nächster Nähe bewundern. Ich habe mich gefühlt wie eine Teenie-Mädchen, das endlich seine Lieblingsboygroup zu sehen bekommt. Ich wäre tatsächlich beinahe in Ohnmacht gefallen.

Gerade bei diesem Konzert wurde deutlich, wieviel Wert Paul Simon auf Perfektion legt. Die engagierten Musiker waren nicht nur gut, sie waren hervorragend, wenn nicht außergewöhnlich. Und während ich ausnahmslos jeden Song, auch die vom neuen Album, mitsingen konnte, wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich dreißig Jahre auf diesen Moment gewartet hatte. Zurecht.


Kurzbio

Paul Frederic Simon wurde am 13. Oktober 1941 in Newark, New Jersey als Nachfahre ungarischer Juden geboren und wuchs in Queens, New York auf.

Paul Simon ist Mitglied der Demokraten.

1970, beim V. Festival Internacional da Canção Popular, einem Schlagerwettbewerb der in Rio de Janeiro stattfand, erklärte Simon, der als Juror verpflichtet wurde, bereits vorab, dass er der damals erst fünfzehnjährigen Teilnehmerin Marianne Rosenberg keine Punkte geben werde, da diese aus Deutschland stamme.


Simon & Garfunkel

Paul Simon und Arthur Garfunkel lernten sich im Fürsommer 1953 bei einer Schulaufführung des Stücks Alice im Wunderland kennen. Paul spielte den Hasen und Art die Grinsekatze. Auf dem Album Old Friends Live on Stage geht Simon auf die vielen Streitigkeiten ein, in dem er seine Rolle als Leading Role und die Garfunkels als Supporting Role bezeichnet.

Bevor das Duo als Simon & Garfunkel auftraten, versuchten sich die beiden im Rock’n Roll als Tom & Jerry. Paul Simon komponierte praktisch alle Songs der beiden. Das Duo zerbrach nach dem Album Bridge over Troubled Water, da sich Garfunkel der Schauspielerei widmen wollte. Der Song The only living Boy in New York handelt von der Auflösung. Die Textzeile Tom, get your plane right on time bezieht sich auf Garfunkel (Tom & Jerry).


Auszeichnungen

  • Aufnahme in die Rock’n Roll Hall of Fame mit Simon & Garfunkel
  • Aufnahme in die Rock’n Roll Hall of Fame als Solokünstler
  • Oscar-Nominierung für Father and Daughter
  • Nominierung für den Golden Globe für Father and Daughter
  • Zwölf Grammys, drei Mal den wichtigsten Grammy für das Album des Jahres (Bridge over Troubled Water, Still Crazy after all these Years, Graceland)
  • Zwei Brit Awards (Bridge over Troubled Water, Graceland)
  • Time Magazine: Einer der einhundert wichtigsten lebenden Persönlichkeiten der Welt
  • Gershwin-Preis 2007
  • Polar-Music-Price 2012


 

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