Vorab: Ich ärgere mich auch darüber, dass das ganze Wochenende kaum eine S-Bahn in Berlin fahren wird. Und sicherlich ärgern sich auch viele Bahnreisende, dass sie jetzt auf Autos, Fernbusse oder das Fahrrad umsteigen müssen. Noch mehr ärgere ich mich allerdings darüber, wie sich unsere Presse, allen voran die BILD und der FOCUS, zum Büttel der Arbeitgeber macht. In Zeiten, in denen Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, sind Tarifautonomie und Arbeitnehmerrechte wohl reif für die Geschichte.

Der Schuldige ist längst gefunden. Die BILD titelt Der Größen-Bahnsinnige und veröffentlicht die Telefonnummer von Claus Weselsky mit der Aufforderung an den Mob, sich „Luft zu machen“ und der FOCUS zeigt ein Foto von Weselskys Wohnadresse. Das erinnert ein wenig an die gute alte Zeit, als diese böse Demokratie mit all ihren dummen Grundrechten gerade abgeschafft wurde. Selbst die SPD, die eigentlich auf seiten der Arbeitnehmer stehen sollte, ärgert sich maßlos und will schnell ein Gesetz verabschieden, das die kleinen Gewerkschaften ausknocken soll. Damit passt sie sich an an eine Zeit, in der Grundrechte wie Meinungsfreiheit, das Fernmeldegeheimnis oder eben das Streikrecht irgendwie aus der Mode gekommen sind.

Nach dem Grund des Streiks fragt niemand. Es fragt auch niemand, ob vielleicht die Bahn eine gewisse Portion Mitschuld am Streik ihrer Lokführer trägt. Nein, es ist und bleibt der machthungrige Gewerkschaftsboss, der den Bogen überspannt.

Doch die Einmischung der Politik in den Tarifstreit kommt nicht von ungefähr. Schließlich ist die Deutsche Bahn AG in vollem Besitz des Bundes. Und da drohen natürlich Umsatzeinbußen durch so einen Streik. Das könnte das Ziel der Schwarzen Null unserer Schwarzen Null Wolfgang Schäuble in Gefahr geraten.

Doch der Bund ist selbst schuld. Erst wird die Bahn privatisiert, die Mitarbeiter verlieren ihren Beamtenstatus und erhalten dafür das Streikrecht. Und dann nutzen sie es auch noch. Wenn man bedenkt, dass die deutschen Lokführer gegenüber ihren westeuropäischen Kollegen mit Abstand am wenigsten verdienen, dann ist die GDL dazu verpflichtet, ihre Forderungen nach fairer Bezahlung durchzusetzen. Auch mit einem Streik. Und dann müssen wir Reisenden eben mit dem Auto, dem Bus oder dem Fahrrad fahren. Das Abendland wird davon nicht untergehen, da können BILD, FOCUS, ARD und ZDF soviel Propaganda ablassen, wie sie wollen.

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