Auf meinem Schoß saß mein Sohn, über seine Wangen liefen Tränen, sie vermischten sich mit den letzten Sandkörnern des Spielplatzes zu kleinen dunkelgrauen Rinnsalen, und während er seine Arme immer enger um meinen Hals schlang, zuckte sein kleiner Körper unter seinem Schluchzen zusammen - immer wieder musste ich ihn fragen, was denn los sei, bis es endlich aus ihm herausbrach: "Ich will nicht mehr zur Schule."

Jonas und ich sind schon in der Phase, in der ich um jeden Abschiedskuss kämpfen muss, vor allem wenn seine Freunde in der Nähe sind oder wir, wenn ich ihn hin und wieder bringe, vor der Schule stehen. Doch jetzt war mein sonst so stolzer Rebell winzig klein. Denn sein Klassenlehrer, ein ehemaliger Berufssoldat, schickte ihn kürzlich mit den Worten „Geh raus und heul doch“ vor die Tür. Für einen Lehrer ein Armutszeugnis, für einen achtjährigen Schüler eine unverständliche Herabsetzung.

Die Rebellion ist hart, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Noch heute sehe ich die spießige Siebzigerjahre-Einrichtung des Direktorzimmers, in der der Prinzipal stets unter der grün beschirmten Stehlampe und ein wenig erhöht am Konferenztisch saß, während das Kollegium betroffen schauend ihr Urteil über mich fällte. Bis auf meine wundervolle Mathematiklehrerin Frau Wolf, die vermutlich die erste Frau war, in die ich mich hätte verlieben können. Ihre lange dunkle Lockenmähne, ihr umwerfendes Lächeln und die Güte, die sie, trotz ihrer vielleicht erst dreißig Jahre, ausstrahlte, durchbrach die Sterilität von Betroffenheit, Neonlicht und Stehlampe. Wenn ich sie hilfesuchend ansah und sie stumm und nur mit den Augen nickte, verflog das Gefühl, allein vor Windmühlen zu stehen.

Doch ich bereue nichts. Auch nicht die vielen Sechsen, die ich unter meinen Aufsätzen fand, nachdem mir Herr Gsänger das Heft mit dem Satz „Thema verfehlt“ auf den Tisch knallte. Seine angekauten und vom Nikotin vergilbten Fingernägel und sein schwammiger Körper, der soviel Fett besaß, dass man das Gefühl hatte, es würde aus den Haaren heraustropfen, belächelte ich schon damals. Dass ich heute schreibe, meine Rhetorik schleife und inzwischen mehr Leser habe als Herr Gsänger mit allen mahnenden Elternbriefen je erreichen wird, liegt wohl auch an ihm.

Mein Innerstes stellte sich gegen dieses System, in dem nur belohnt wurde, wer treu den Regeln folgte und nicht, wer Neues probierte. Gestern wurde ich in diese Zeit zurück versetzt, als ich im Gespräch mit Jonas‘ Direktor belehrt wurde, dass Regeln befolgt werden müssen, weil es sie gibt (sic!). Ja, Jonas ist ein Rebell und wer von ihm Respekt fordert, der muss ihn sich verdienen. Egal ob Erwachsener oder Kind. Und das ist auch richtig so.

Bleib so, mein Kind. stelle Dich gegen das, was Dich stört und hinterfrage, was Du nicht verstehst. Ich werde immer hinter Dir stehen, Dich immer wieder auffangen. Verlass Dich drauf.

Ich hab‘ noch manches langes Jahr auf Schulbänken verlor‘n
Und lernte widerspruchslos vor mich hin
Namen, Tabellen, Theorien von hinten und von vorn,
Daß ich dabei nicht ganz verblödet bin!
Nur eine Lektion hat sich in den Jahr‘n herausgesiebt,
Die eine nur aus dem Haufen Ballast:
Wie gut es tut, zu wissen, daß dir jemand Zuflucht gibt,
Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!

– Reinhard Mey, Zeugnistag

3 KOMMENTARE

  1. Danke für diesen wunderbaren Text, der Liebe und Hoffnung ausstrahlt. Ich musste spontan an eine Liedzeile von Bettina Wegner denken: „Menschen ohne Rückgrat – gibt es schon zu viel“. Gut, wenn Erziehung diesen Namen verdient und das Rückgrat stärkt. Gottes Segen!!!

  2. Ich habe auch den anderen Artikel gelesen. Stimme Ihnen in weiten Teilen zu, allerdings finde ichves bedenklich wenn Sie schreiben, das man den Respeekt Ihres Sohnes verdienen muss. Es sollte immer Respekt für einen anderen Menschen vorhanden sei. Ich wünsche Ihnen und Ihrem Sohn alles Gute auf der neuen Schule.

    • Selbstverständlich muss ein natürlicher Respekt vorhanden sein. Aber anzunehmen, dass ein Kind Respekt vor einem hat, nur weil man Lehrer ist, halte ich für falsch.

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